Bewe­gung als Schlüs­sel für Gesund­heit

Die Kennt­nis über die Wir­kungs­wei­sen von Bewe­gung sind ins­be­son­de­re für Men­schen mit schwe­ren Beein­träch­ti­gun­gen und deren Betreu­er wich­tig, da es (gera­de bei Roll­stuhl­fah­rern und Tetra­ple­gi­kern) zu unzu­rei­chen­den Bewe­gungs­ak­ti­vi­tä­ten kommt und das Risi­ko von Krank­hei­ten und Ver­let­zun­gen somit gestei­gert wird. Bewe­gung ist also der Schlüs­sel für die Gesund­heit.

Posi­ti­ve Wir­kungs­wei­sen von Bewe­gungs­ak­ti­vi­tä­ten auf den Men­schen

  • Es kommt zu einer Ver­bes­se­rung des Herz-Kreis­lauf-Atem­sys­tems und zwar durch die Anre­gung einer ver­mehr­ten Bil­dung von Kapil­la­ren (Über­gangs­stre­cke von Sauer­stoff und Abtrans­port von Schlack­stof­fen zwi­schen Blut und Kör­per­zel­le), durch die Kräf­ti­gung der Atem­hilfs­mus­keln und die bes­se­re Durch­blu­tung der Lun­gen­bläs­chen, wor­aus eine bes­se­re Sauer­stoff­sät­ti­gung des Blu­tes resul­tiert,
  • Eine ver­bes­ser­te Sauer­stoff­sät­ti­gung des Blu­tes führt zu einer ver­min­der­ten Müdig­keit, zu einer grö­ße­ren Akti­vi­tät, zu einer ver­bes­ser­ten Koor­di­na­ti­on, Auf­merk­sam­keit und Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit.
  • Es wer­den neue Kon­trak­tu­ren des Bewe­gungs­ap­pa­ra­tes ver­hin­dert oder bestehen­de Kon­trak­tu­ren ver­min­dert. Hier­durch wird die Beweg­lich­keit ver­bes­sert.
  • Die Mus­ku­la­tur wird gekräf­tigt und das neu­ro­mus­ku­lä­re sowie sen­so­mo­to­ri­sche Zusam­men­spiel opti­miert. Eine ver­bes­ser­te Koor­di­na­ti­on gewähr­leis­tet mög­lichst phy­sio­lo­gi­sche All­tags­be­we­gun­gen, um z. B. durch Spas­ti­ken ver­ur­sach­te Fehl­be­las­tun­gen, die den Bewe­gungs­ap­pa­rat schä­di­gen kön­nen, zu mini­mie­ren oder sogar zu ver­hin­dern.
  • Das Immun­sys­tem wird ver­bes­sert.
  • Das Krebs­ri­si­ko wird ver­min­dert.
  • Es fin­det eine ver­bes­ser­te Durch­blu­tung der Knor­pel und Band­schei­ben statt.
  • Die Ver­dau­ung wird ver­bes­sert.
  • Es kommt zu einer ver­mehr­ten Aus­schüt­tung des Glücks­hor­mons Sero­to­nin.
Bild­un­ter­schrift
Der Mensch hat sich im Lau­fe sei­ner Phy­lo­ge­ne­se zu einem Lebe­we­sen ent­wi­ckelt, des­sen Orga­nis­mus eine akti­ve Lebens­wei­se für sei­ne Gesund­heit benö­tigt. Bis zur Indus­tria­li­sie­rung und der Ent­wick­lung tech­ni­scher Fort­be­we­gungs­mög­lich­kei­ten war der Mensch genö­tigt, grö­ße­re Stre­cken zu Fuß, also auf­recht zurück­zu­le­gen. Der mensch­li­che Kör­per bil­de­te daher die ent­spre­chen­den ana­to­mi­schen und phy­sio­lo­gi­schen Eigen­schaf­ten aus, denen es in der Bewegungs­therapie zu ent­spre­chen gilt. Die Not­wen­dig­keit der Bewegungs­therapie ins­be­son­de­re für Roll­stuhl­fah­rer ergibt sich aus der erzwun­ge­nen per­ma­nen­ten sit­zen­den Kör­per­hal­tung und dem dar­aus erzwun­ge­nen mas­si­ven Bewe­gungs­man­gel. Die ganz­heit­lich ori­en­tier­te Bewegungs­therapie ist daher nicht nur ein “net­ter Aus­gleich”, son­dern die Ermög­li­chung einer Annä­he­rung an die ursprüng­li­che und gesun­de Exis­ten­zwei­se des Men­schen. Ins­be­son­de­re für Men­schen, die durch ihre Beein­träch­ti­gung nicht in der Lage sind, auf­recht zu ste­hen und sich im All­tag gehend fort­zu­be­we­gen, ist die Bewegungs­therapie eine unein­ge­schränkt not­wen­di­ge Maß­nah­me zur Kom­pen­sa­ti­on der aus­blei­ben­den aber zur eigent­lich Gesund­heit not­wen­di­gen All­tags­be­las­tung.
Mit dem erzwun­ge­nen Bewe­gungs­man­gel gehen ver­schie­de­ne Gesund­heits­ge­fah­ren ein­her, wie z. B. Herz-Kreis­lauf-Erkran­kun­gen, Krank­hei­ten des Bewe­gungs­ap­pa­ra­tes wie Arthro­se, Osteo­po­ro­se, Mus­kel­kon­trak­tu­ren, Immun­schwä­che, Ver­dau­ungs­pro­ble­me und -stö­run­gen, Stoff­wech­sel­stö­run­gen, Müdig­keit, Antriebs­lo­sig­keit, depres­si­ve Ver­stim­mun­gen, sozia­le Ver­ein­sa­mung.
Trotz der heu­ti­gen tech­ni­schen Fort­be­we­gungs­mög­lich­kei­ten geht ein(e) Büro­an­ge­stell­te( r) durch­schnitt­lich immer­hin 3.000 Schrit­te pro Tag. Vor dem Hin­ter­grund, dass eine sol­che Per­son auf unter­schied­lich fes­ten Unter­grün­den mit unter­schied­li­chem Gefäl­le geht, dass sie Gegen­stän­de trägt, sich nach vor­ne beugt, um etwas zu errei­chen, sich streckt und bückt, Trep­pen steigt, Hin­der­nis­se über­win­det etc., sind die Bewe­gungs­rei­ze wäh­rend des All­tags bereits für einen Büro­an­ge­stell­ten, der kei­nen Sport treibt, bedeu­tend höher als z. B. für einen Roll­stuhl­fah­rer; und beson­ders für einen, der wegen einer Tetras­pas­tik sich nur stark ver­lang­samt und kurz­zei­tig bewe­gen kann. Die Selbst­bewegung ist also in der Bewegungs­therapie als wich­ti­ge Kom­pen­sa­ti­on des durch die indi­vi­du­el­le Beein­träch­ti­gung pro­vo­zier­ten Bewe­gungs­man­gels zu ver­ste­hen. Die Bewegungs­therapie ist des­halb nicht mit Sport zu ver­wech­seln, wenn die­ser als nicht zwin­gend not­wen­di­ger Zusatz zur All­tags­ak­ti­vi­tät ver­stan­den wird.
Bild­un­ter­schrift
Die Betreu­ung von Men­schen mit einer schwe­ren Beein­träch­ti­gung ver­langt vom The­ra­peu­ten ein beson­de­res Wis­sen über ver­schie­de­ne Behin­de­run­gen und deren Wir­kung. Sie setzt die Freu­de an der Hil­fe und der inten­si­ven Arbeit mit Men­schen sowie einen beson­ders empa­thi­schen, auf­merk­sa­men und auf­ge­schlos­se­nen Cha­rak­ter vor­aus. Für Men­schen mit Sprech­stö­run­gen muss der The­ra­peut viel Zeit und Geduld für die Kom­mu­ni­ka­ti­on auf­wen­den.
Für Men­schen in Wohn­grup­pen, die wenig Mög­lich­keit haben außer­halb ihrer vier Wän­de Pro­ble­me mit­zu­tei­len, ist die Bewegungs­therapie eine wich­ti­ge Mög­lich­keit, sich aus­zu­spre­chen und einen even­tu­el­len Frust auch mit­hil­fe von Bewe­gungs­übun­gen abzu­bau­en. Für Pati­en­ten, die bis­her einer gesell­schaft­lich ange­se­he­nen Arbeit nach­gin­gen und ihren All­tag fest im Griff hat­ten, ist etwa ein Schä­del­hirn­trau­ma nicht nur eine kör­per­li­che Ver­let­zung, son­dern ein tief­grei­fen­des psy­chi­sches Trau­ma. Dies kann zu einer gro­ßen Unsi­cher­heit, zu gro­ßen Ängs­ten, Aggres­sio­nen etc. füh­ren. Eine beson­de­re ein­füh­len­de und mut­ma­chen­de Zuwen­dung ist hier vom The­ra­peu­ten nötig. Auch ver­meint­lich ein­fa­che Bewe­gungs­auf­ga­ben kön­nen für einen ver­un­si­cher­ten Pati­en­ten, der eine aus­ge­präg­te Angst vor dem Sturz oder eine Ver­un­si­che­rung wegen Wahr­neh­mungs­de­fi­zi­ten hat, eine unüber­wind­li­che Hür­de und viel Stress bedeu­ten. Der The­ra­peut muss sich des­halb immer in den Pati­en­ten ein­füh­len und sei­ne eige­ne “Welt­wahr­neh­mung” nach hin­ten rücken und die des Pati­en­ten als maß­geb­lich für die Bewe­gungs­auf­ga­ben her­an­zie­hen. Der The­ra­peut muss hier­für immer wie­der als Gene­ral­schlüs­sel für jeden ein­zel­nen Pati­en­ten fun­gie­ren.
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Das Wis­sen über die Wir­kung von vor­han­de­nen Beein­träch­ti­gun­gen ist für die the­ra­peu­ti­sche Arbeit mit Men­schen mit schwe­ren Beein­träch­ti­gun­gen unein­ge­schränkt nötig.
Häu­fig gibt es in der Trai­nings­leh­re “Faust­re­geln” wie oft, wie lan­ge und wie inten­siv eine Belas­tung sein muss, um zu wir­ken. Sol­che Regeln gel­ten bei Men­schen mit schwe­ren Bewe­gungs­be­ein­träch­ti­gun­gen wie eine Tetras­pas­tik nicht. Hier müs­sen Bewe­gungs­auf­ga­ben mit weni­ger Inten­si­tät und weni­ger Dau­er, aber mit einer häu­fi­ge­ren Wie­der­ho­lung durch­ge­führt wer­den. Auf­grund die­ser Tat­sa­che wird bei schwe­ren Beein­träch­ti­gun­gen mehr Zeit mit ein­schlei­chen­den Belas­tungs­er­hö­hung benö­tigt. Bei dem Pro­blem eines Neglect, bei dem der Betrof­fe­ne eine Sei­te nicht wahr­nimmt oder bei einem Greif­s­pas­mus, der das Öff­nen der Hand ver­hin­dert, muss der The­ra­peut über die kör­per­li­chen Mecha­nis­men infor­miert sein. Kogni­ti­ve Ein­schrän­kun­gen kön­nen es erfor­der­lich machen, dass der The­ra­peut lang­sam, ein­deu­tig und mit einer ein­fa­chen Spra­che auf den Betrof­fe­nen ein­ge­hen muss.
Eine wich­ti­ge Auf­ga­be des Insti­tuts für Ganz­heit­li­che Bewegungs­therapie ist die Ermög­li­chung der Begeg­nung und des sozia­len Aus­tauschs mit ande­ren Men­schen. Ein sol­ches Zusam­men­tref­fen fin­det in den Räu­men des Insti­tuts zwi­schen Men­schen mit und ohne schwe­rer Beein­träch­ti­gung statt. So ist ein Aus­tausch im Sin­ne des Inklu­si­ons­ge­dan­ken mög­lich: Men­schen, die die meis­te Zeit ihres All­tags in Wohn­grup­pen und Ein­rich­tun­gen mit ande­ren Beein­träch­tig­ten ver­brin­gen haben hier die Mög­lich­keit, Infor­mationen und Anre­gun­gen von außer­halb sol­cher Ein­rich­tun­gen zu erhal­ten. Auf der ande­ren Sei­te tref­fen Men­schen, die bis­her kei­nen Kon­takt zu ihnen hat­ten, auf Men­schen mit Beein­träch­ti­gun­gen und kön­nen so evtl. vor­han­de­ne Res­sen­ti­ments abbau­en.

Das ganz­heit­li­che Den­ken, das kör­per­li­che, psy­chi­sche und sozia­le Aspek­te beinhal­tet, lässt sich in Kür­ze wie folgt dar­stel­len:

Die ver­bes­ser­ten Bewe­gungs­fer­tig­kei­ten (Kör­per) erhö­hen das Wohl­be­fin­den und das Selbst­be­wusst­sein (Psy­che). Dies führt dazu, dass es dem Pati­en­ten bes­ser mög­lich ist, mit sei­nen Mit­men­schen in Kon­takt zu tre­ten (Sozia­les). Die­ser Kon­takt ermög­licht die Befrie­di­gung der mensch­li­chen Grund­be­dürf­nis­se (z. B. Aner­ken­nung), wes­halb der Pati­ent zufrie­de­ner ist (Psy­che). Die­se Zufrie­den­heit wirkt sich wie­der­um posi­tiv auf kör­per­li­che Aspek­te aus usw.

Die sozia­len Kon­tak­te inner­halb der Bewegungs­therapie füh­ren zum Gefühl der sozia­len Zuge­hö­rig­keit. Die­ses Gefühl schlägt sich in einem psy­chi­schen Wohl­be­fin­den nie­der, das sich posi­tiv auf den Kör­per aus­wirkt.
Der Begriff Ganz­heit­lich­keit wird auch dadurch ein­ge­löst, dass die Unter­stüt­zung des Insti­tuts nicht erst mit dem Über­tre­ten der Pra­xi­s­tür­schwel­le beginnt und beim Ver­las­sen der Pra­xis endet. Alle Mit­ar­bei­ter sind statt­des­sen bemüht, die Pati­en­ten im Rah­men der Mög­lich­kei­ten in ihrem und für ihren All­tag umfas­send zu unter­stüt­zen. Wenn Pati­en­ten beson­de­re Hilfs­mit­tel oder indi­vi­du­el­le Anpas­sun­gen hier­für benö­ti­gen, arbei­ten die The­ra­peu­ten eng mit Sani­täts­häu­sern zusam­men. Sie unter­stüt­zen die Pati­en­ten bei der Suche nach einer behin­der­ten­ge­rech­ten (auch betreu­ten) Wohn­mög­lich­keit. Beson­ders bei schwe­ren Beein­träch­ti­gun­gen pfle­gen die Miet­ar­bei­ter einen engen Kon­takt zu den betreu­en­den Per­so­nen wie z. B. Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen (die häu­fig selbst durch die Ver­let­zung oder die Krank­heit des gelieb­ten Men­schen trau­ma­ti­siert sind und in die Betreu­ung ein­ge­schlos­sen wer­den), den gesetz­li­chen Betreu­ern, den Wohn­grup­pen­mit­ar­bei­tern und den Mit­ar­bei­tern der Arbeits­stät­te, den Ärz­ten, ande­ren The­ra­peu­ten (z. B. Logo­pä­den) und auch zu den Mit­ar­bei­tern der Kos­ten­trä­ger, die oft­mals Ihre Mit­glie­der schon lan­ge beglei­ten und des­halb gut ken­nen.